10.000 Meter über dem Amazonas
Updated: 5 days ago
Ein Blick auf den Amazonas aus großer Entfernung:
Ich bin nur selten in Lateinamerika. Doch wenn ich meine Flugangst überwinde und den Atlantik überquere, gibt es nach Stunden über dem Wasser diesen Moment, in dem endlich wieder Land unter dem Flugzeug auftaucht. Unter einem liegen Flüsse, die sich durch scheinbar endloses Grün ziehen. Aus dieser Höhe wirkt der Amazonas nahezu unberührbar. Zu groß, um ernsthaft bedroht zu sein.
Für viele bleibt der Amazonas eine abstrakte Größe, verbunden mit Naturdokumentationen oder Bildern aus der Popkultur. Ein ferner Regenwald, Tausende Kilometer entfernt. Für mich fühlt er sich weniger fern an, denn ich bin zur Hälfte Latina. Auch wenn ich den Amazonas selbst noch nie betreten habe, gehört er für mich zu einem Teil der Welt, mit dem ich mich verbunden fühle.
Wann taucht der Amazonas in den Nachrichten auf? Oft dann, wenn eine Weltklimakonferenz ansteht, große Brände wüten oder neue Zahlen zur Abholzung veröffentlicht werden. Dass seine Zerstörung kontinuierlich voranschreitet, bekommt dagegen nur punktuell dieselbe Aufmerksamkeit. Das Thema flackert auf und verschwindet wieder, obwohl es sich um ein permanentes Problem handelt, politisch, wirtschaftlich und global. Abholzung, illegale Minen, Brände und die Ausweitung landwirtschaftlicher Flächen existieren nicht nur dann, wenn die Bilder davon in den Nachrichten auftauchen.
Ich drücke die Stirn kurz gegen das kalte Fenster und frage mich, wie viel von diesem Grün in zehn Jahren noch da sein wird.
Der Schutz des Amazonas scheitert nicht an fehlendem Wissen. Die Zusammenhänge sind gut dokumentiert, die Folgen seit Jahren bekannt. Im südöstlichen Amazonas hat sich die frühere Funktion als Kohlenstoffsenke bereits teilweise umgekehrt, dort wird inzwischen mehr Kohlenstoff freigesetzt, als aufgenommen wird.
Problematisch ist auch, wie Verantwortung verteilt wird. Oft entsteht der Eindruck, die Zerstörung des Regenwaldes sei etwas, das weit entfernt geschieht und mit dem eigenen Alltag kaum etwas zu tun hat. Dabei sind Produktion, Handel und Konsum über komplexe Lieferketten miteinander verbunden. Dazu gehören unter anderem Rindfleisch, Rohstoffe und Soja, das zu einem großen Teil als Futtermittel in der Tierhaltung verwendet wird. Die Verantwortung lässt sich deshalb weder bequem an einzelne Länder noch ausschließlich an große Konzerne weiterreichen. Auch unsere Nachfrage nach bestimmten Produkten ist Teil dieser wirtschaftlichen Zusammenhänge, selbst wenn die Folgen davon Tausende Kilometer entfernt sichtbar werden.
Gleichzeitig spielen indigene Gemeinschaften eine zentrale Rolle beim Erhalt großer Waldflächen. Im brasilianischen Amazonas zeigen Untersuchungen, dass indigene Territorien deutlich weniger Entwaldung aufweisen als vergleichbare Flächen mit anderen Nutzungsformen. Trotzdem sind diese Gebiete weiterhin durch Landraub, Bergbau und Abholzung bedroht. Indigene Gemeinschaften werden häufig von außen als symbolische "Hüter des Waldes" romantisiert, während ihre politischen Forderungen nach Landrechten, Schutz und Selbstbestimmung sehr viel weniger Aufmerksamkeit bekommen.
Aus zehntausend Metern Höhe sieht man vor allem Grün. So viel davon, dass es absurd wirkt, sich vorzustellen, dieser Wald könnte irgendwann nicht mehr selbstverständlich da sein.
