Was bleibt, wenn das Licht ausgeht
Updated: 6 days ago
Ein Super-Bowl-Moment zwischen Sichtbarkeit und Erinnerung.
Dieser Text wird weder der erste noch der letzte sein, der sich mit dem Auftritt von Benito Antonio Martínez Ocasio beim Super Bowl beschäftigt. Für einen Teil des Publikums war Bad Bunny längst einer der größten Musiker der Welt, für einen anderen Teil dürfte dieser Abend die erste wirkliche Begegnung mit ihm gewesen sein. Fast dreizehn Minuten lang stand eine Kultur im Zentrum einer der größten Bühnen der USA, die dort gleichzeitig politisch so umkämpft ist wie lange nicht mehr.
Ich bin zur Hälfte Latina und hatte das Privileg, einen Teil meiner Jugend in Südamerika zu verbringen. Lange genug, um vieles von dem wiederzuerkennen, was Bad Bunny an diesem Abend auf die Bühne brachte. Die Symbolik auf der Bühne entsprach Momenten, die mir sehr vertraut vorkamen.
Da war die Bodeguita. Wer kennt sie nicht in Lateinamerika? Ob Kind, Teenager oder Erwachsener, wir alle haben irgendwann vor ihr gestanden. Als Kind war es das Größte, sich mit Freund:innen vor der Bodeguita des Barrios zu treffen und das Taschengeld für Slusheis, Chipstüten mit Pokémon-Spielzeug und Süßigkeiten zu kaufen, die die Eltern einem sonst nicht erlaubt hätten. Als Teenager kaufte man dort das erste Bier und hoffte, dass die Dueña es nicht den Eltern erzählte. Und als Erwachsener schleppt man sich an einem verkaterten Sonntag hin, auf der Suche nach lebensrettenden Snacks.
Dann die Casita. Dieses Haus in der Nachbarschaft, vor dem am Wochenende Plastikstühle auf dem Bürgersteig stehen, während drinnen und draußen gegessen, getrunken und getanzt wird. Großeltern sitzen zwischen Teenager:innen, irgendwo laufen Kinder herum. Es spielt keine Rolle, ob man sonst Rock oder Rap hört, die lateinamerikanische Musik bleibt der gemeinsame Nenner, der Moment, in dem ein bestimmter Song jeden einzelnen berührt, unabhängig vom Alter und von allem, was einen sonst unterscheidet.
Genau diese Momente, der Humor und die Selbstverständlichkeit des Zusammenseins sind es, die in den gängigen Bildern über Lateinamerika oft keinen Platz finden.
Der Blick von außen kennt hingegen andere Motive sehr gut: Kriminalität, Drogenkartelle, Gewalt, Armut. Daneben stehen Bilder einer hypersexualisierten Popkultur oder indigener Menschen in bunten Trachten, präsentiert wie exotische Relikte, als bestünde ihre Rolle darin, Touristenattraktion zu sein. Als hätten sie keine Stimme, keine Forderungen und keine politische Realität.
Solche Bilder haben sich über Jahrzehnte festgesetzt. Auch in Deutschland wurde Lateinamerika lange entweder romantisiert oder als gefährlich und rückständig betrachtet: als Region, die man bereist, um sich selbst zu finden oder lieber meidet.
Auch deshalb hat mich der Auftritt so berührt. Nicht, weil Bad Bunny der Welt an einem Abend „das echte Lateinamerika" gezeigt hätte. So etwas gibt es ohnehin nicht. Sondern weil Millionen Menschen Alltagsmomente auf dieser Bühne wiedererkannten, die sonst selten im Mittelpunkt einer globalen Inszenierung stehen.
Denn die Realität Lateinamerikas ist komplizierter als die romantische Gegenbeschreibung. Die enorme soziale Ungleichheit ist real. Rassismus und Colorism prägen viele Gesellschaften bis heute, ebenso die Folgen kolonialer Herrschaft. Gleichzeitig lässt sich diese Realität nicht auf ihre Probleme reduzieren. Die kulturelle Vielfalt, der Stolz und das gesellschaftliche Leben existieren unabhängig davon, ob der globale Norden ihnen gerade Aufmerksamkeit schenkt. Diese Kultur war da, bevor sie auf den Bildschirmen des Super Bowl erschien und sie wird auch da sein, wenn die internationale Aufmerksamkeit längst weitergezogen ist.
Genau deshalb ist es notwendig, bei der aktuellen Euphorie einen Moment länger hinzusehen. Lateinamerikanische Kultur wird international gerne konsumiert, wenn sie Musik, Tanz und gute Stimmung liefert. Schwieriger wird es, sobald dieselbe Kultur politische Forderungen stellt oder an Geschichte erinnert.
Was in der eurozentrischen Wahrnehmung häufig ausgeblendet wird, ist die Geschichte. Europäische Eroberung, eingeschleppte Krankheiten, Zwangsarbeit und Gewalt führten zu einem massiven Zusammenbruch indigener Bevölkerungen. Sprachen und kulturelle Praktiken wurden verdrängt oder unterdrückt, Land und Ressourcen über Jahrhunderte ausgebeutet. Viele der daraus entstandenen Machtverhältnisse wirken in veränderter Form bis heute fort. Diese Realität verschwindet nicht, weil ein Künstler für ein paar Minuten im Rampenlicht steht. Sie bleibt, auch wenn die Kameras längst weitergezogen sind.
Dennoch sind solche Momente wertvoll. Sie zeigen, dass Kunst Menschen verbinden und etwas auslösen kann, das über den Moment hinausreicht. Für einige Minuten war lateinamerikanische Kultur nicht Randnotiz, exotische Kulisse oder Klischee, sondern Mittelpunkt.
Am Ende stand auf dem großen Bildschirm, für alle sichtbar:
The only thing more powerful than hate is love.
In einer Zeit, in der so vieles darauf ausgelegt ist, Menschen gegeneinanderzustellen, hatte dieser Satz ein besonderes Gewicht. Die Musik hört auf, die Kameras ziehen weiter. Was von solchen Momenten bleibt, entscheidet sich erst danach.
