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Was bleibt, wenn das Licht ausgeht

  • Feb 11
  • 3 min read

Updated: Mar 30

Dieser Text wird weder der erste noch der letzte sein, der vom Auftritt Benito Antonio Ocasio Martínez' beim Super Bowl handelt. Während eine Hälfte der Welt in diesem Moment zum ersten Mal von dem mehrfachen Grammy-Gewinner hört, ist die andere geeint und feiert mit unbändigem Stolz die erste spanischsprachige Performance auf einer der größten Bühnen der Welt. Und das in einer Zeit, in der man in eben jenem Land, das diese Bühne beherbergt, zunehmend aufpassen muss, nicht zu latino:a zu wirken, den Akzent zu verstecken, unsichtbar zu werden.


Ich bin zur Hälfte Latina und hatte das Privileg, einen Teil meiner Teenagerjahre in Südamerika zu verbringen, lange genug, um die Kultur wirklich zu verstehen. Die Codes, die Bad Bunny uns an diesem Abend präsentiert hat, konnte ich alle lesen.


Die Bodeguita. Wer kennt sie nicht in Lateinamerika? Ob Kind, Teenager oder Erwachsener, wir alle haben irgendwann vor ihr gestanden. Als Kind war es das Größte, sich mit den Freund:innen aus der Nachbarschaft in der Bodeguita des Barrios zu treffen: Slusheis essen, in Chipstüten nach Pokémon-Spielzeug wühlen und heimlich Süßiskeiten essen, die die Eltern einem sonst nicht kaufen wollen. Als Teenager hat man dort das erste Bier gekauft und insgeheim gehofft, dass die Dueña es den Eltern nicht erzählt. Und als Erwachsener schleppt man sich an einem verkaterten Sonntag für lebensrettende Snacks hin.


Der nächste Stop, die Casita. Das Haus in der Nachbarschaft, wo am Wochenende alle zusammenkommen. Plastikstühle auf dem Bürgersteig, auf der Garagenauffahrt, Bier und Essen und Musik, die alle Generationen verbindet. Großeltern, Eltern, Kleinkinder, Teenies, alle bewegen sich zur gleichen Melodie. Es spielt keine Rolle, ob man sonst Rock hört oder Rap, die lateinamerikanische Musik bleibt der gemeinsame Nenner, der Moment, in dem ein bestimmter Song jeden einzelnen berührt, unabhängig vom Alter, von der Herkunft innerhalb dieser Herkunft, von allem, was einen sonst unterscheidet. Die Freude, der Humor, der Zusammenhalt und die Gastfreundschaft stehen im Vordergrund. All das, was der Rest der Welt von diesem Kontinent nicht sieht, weil es in den gängigen Narrativen keinen Platz hat.


Die Welt sieht Kriminalität. Drogenkartelle, Gewalt, Armut, Rückständigkeit. Sie sieht Hypersexualisierung in der modernen Popkultur oder indigene Menschen in bunten Trachten, präsentiert wie exotische Relikte, als wäre ihre einzige Aufgabe, Touristenattraktion zu sein. Als hätten sie keine Stimme, keine Forderungen, keine politische Realität.


Diese Bilder haben sich über Jahrzehnte festgesetzt. Besonders in Deutschland, wo Lateinamerika lange als Hinterweltkontinent galt. Länder, die man bereist, um sich selbst zu finden, oder meidet, weil sie als gefährlich gelten.


Erst in den letzten Jahren hat sich das langsam verschoben. Mehr Menschen reisen dorthin, sehen mehr als nur die Klischees. Aber die Grundannahmen bleiben oft die gleichen: gefährlich, rückständig, exotisch.


Was ausgeblendet wird, ist die Komplexität. Die Ungleichheit ist real, der Rassismus sitzt tief, die Gewalt ist in den Strukturen verankert und reproduziert sich täglich. Aber gleichzeitig gibt es so viel Stolz, so viel Kultur, so viel Leben, das sich diesen Reduktionen entzieht. Und egal wie eurozentrisch die Welt konstruiert ist, trägt Lateinamerika seine Kultur mit einem Stolz, der sich davon nicht kleinmachen lässt. Diese Kultur existiert nicht für den Blick von außen. Sie war lebendig, bevor dieser Blick sie entdeckt hat.


Die Halbzeitshow war bewegend, dennoch müssen wir über etwas sprechen. Lateinamerikanische Kultur darf gerne auf der Bühne stehen, aber bitte nur zum Feiern. Sobald sie anfängt, unbequem zu werden und Strukturen zu hinterfragen, hört die Welt weg. Jetzt liegt die Aufmerksamkeit der Welt auf Lateinamerika und das Interesse ist riesig – aber wie lange noch und was verändert sich dadurch?


Was in der eurozentrischen Welt systematisch ausgeblendet wird, ist die Geschichte, die dieser Freude vorausgeht. Der Kontinent wurde kolonisiert, seine indigene Bevölkerung fast vollständig ausgelöscht, jahrhundertelang unterdrückt, ausgebeutet, ihrer Sprachen, ihrer Kulturen, ihrer Lebensgrundlagen beraubt. Die Narben sind bis heute sichtbar: extreme Ungleichheit, struktureller Rassismus, systematische Verdrängung. Diese Realität verschwindet nicht, weil ein Künstler für ein paar Minuten im Rampenlicht steht. Sie bleibt, auch wenn die Kameras längst weitergezogen sind.


Dennoch sind solche Momente wertvoll. Sie zeigen, dass Kunst Menschen verbinden und etwas auslösen kann, das über den Moment hinausreicht. Gefährlich wird es, wenn man davon ausgeht, dass ein Auftritt ausreicht, um die Welt zu verändern und die strukturellen Probleme zu lösen.


Der Auftritt hat mich berührt, weil Millionen von Menschen darin etwas wiedererkannt haben, das Teil ihrer eigenen Geschichte ist. Aber er erinnert auch daran, wie oft sie und ihre Kultur unsichtbar bleiben oder auf Klischees reduziert werden, die nichts mit der Realität zu tun haben. Und wie wenig sich daran ändert, wenn das für ein paar Minuten auf einer Bühne gefeiert und dann wieder vergessen wird.


Am Ende stand es auf dem großen Bildschirm, für alle sichtbar:

The only thing more powerful than hate is love.


In einer Zeit, in der so vieles darauf ausgelegt ist, Menschen auseinanderzubringen, war das mehr als nur eine gut platzierte Botschaft. Was wir daraus machen, wenn die Kameras nicht mehr laufen, ist die eigentliche Show.


 
 
 

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