Danke, Friedrich.
- Jul 5
- 3 min read
Stell dir vor, du verdienst mit einem Vollzeitjob gerade mal 2k netto im Monat, fast die Hälfte deines Gehalts geht für Miete drauf. Vom Rest sollst du gesund essen, Rücklagen bilden, fürs Alter vorsorgen, ein Sozialleben haben und am besten noch in dich selbst investieren. Ach ja, und natürlich good vibes only ausstrahlen.
Im Winter überlegst du zweimal, ob du die Heizung wirklich nutzen möchtest, da ein gemütliches, kuschelig-warmes Wohnzimmer dank der Energiekosten inzwischen zu einem Luxuserlebnis geworden ist.
Dein Auto rostet so langsam vor sich hin, die Spritpreise kannst du dir aktuell einfach nicht leisten. Stattdessen quetscht du dich morgens und abends in eine überfüllte und verspätete U-Bahn, da dein Arbeitgeber deinen Job, den du auch von zuhause aus machen könntest, lieber in Präsenz kontrollieren will. Noch bevor die eigentliche Arbeit anfängt, ist der Tag bereits gelaufen.
Jetzt musst du im Büro erstmal zu den KPIs beitragen und wieder die Arbeit deiner Kolleg:innen auffangen, die wegen Krankheit leider ausfallen müssen. Und schon wieder kündigt die nächste Person im Team. Die Stelle bleibt selbstverständlich unbesetzt, man müsse gerade "effizient wirtschaften". Wenn die Quartalsziele trotzdem erreicht werden, gibt es als Belohnung vielleicht ein Glas Sekt und einen LinkedIn-Post über Teamspirit.
Nach Feierabend beginnt der zweite Arbeitstag: verspätete Bahnen, Schienenersatzverkehr, anderthalb Stunden Heimweg. Der Supermarkt hat fast geschlossen. Eigentlich wolltest du noch zum Sport, danach etwas Proteinreiches kochen und endlich diese Serie anfangen, von der alle reden. Stattdessen bleibt gerade noch genug Zeit, um ins Bett zu fallen. Morgen beginnt alles wieder von vorn.
Dann startet die Grippewelle und du wirst von rechts und links in der Bahn angehustet. Ein paar Tage später wachst du selbst mit Halskratzen und Gliederschmerzen auf. Eigentlich weißt du genau, was jetzt helfen würde: drei Tage Ruhe, viel trinken, schlafen, gesund werden. Doch stattdessen musst du dich krank in eine Praxis schleppen, die dich hoffentlich dran nimmt, da du in der Großstadt immer noch keine:n Hausärzt:in hast, da keine neue Patient:innen angenommen werden. Falls du Glück hast, darfst du im Wartezimmer Platz nehmen, ansonsten wartest du draußen mit Schüttelfrost im Nieselregen. Nach zwei Stunden Wartezeit weißt du nun offiziell, dass du einen Fieberinfekt hast und dich mit Tee und einer Ibu auskurieren solltest. Wie überraschend. Die Behandlung war nicht der eigentliche Zweck dieses Arztbesuchs, sondern der gelbe Zettel, der eigentlichen Star der Veranstaltung. Ein ohnehin überlastetes Gesundheitssystem wird mit unnötigen Präsenzbesuchen geflutet, die auch über Telefon hätten abgeklärt werden können. Stattdessen versammeln sich neue Viren im Wartezimmer und werden von Menschen mit nach Hause genommen, die wegen anderer medizinischer Anliegen vor Ort waren.
Ein paar Tage später geht es dir besser. Körperlich wärst du durchaus in der Lage, den Laptop zu Hause wieder aufzuklappen, doch dein:e Arbeitgeber:in erwartet Präsenz. Also steigst du erneut in überfüllte Bahnen, sitzt wieder mit dutzenden Menschen in einem Büro und steckst vielleicht schon die nächsten an. Oder wirst selbst erneut krank.
Die Person, die neben dir im Wartezimmer saß, liegt jetzt auch mit Fieber im Bett, sie musste schließlich zur Praxis, weil sie mental an ihre Grenzen gekommen ist und Hilfe suchte. Jetzt hat sie nicht nur einen Burnout, sondern einen Burnout mit Fieber inklusive. Shoutout an die aktuelle Bundesregierung, die eine Misstrauenskultur weiter verschärft. Statt Menschen die nötige Ruhe zum Gesundwerden zu ermöglichen, schickt sie sie in volle Wartezimmer, belastet überfüllte Praxen und verschwendet wertvolle Zeit medizinischen Personals.
Vielleicht sollten wir aufhören zu fragen, wie wir Menschen besser kontrollieren können, wenn sie krank sind. Vielleicht sollten wir endlich fragen, warum so viele Menschen überhaupt krank werden.
Denn am Ende geht es nicht nur um einen gelben Zettel. Es geht darum, welches Menschenbild dahintersteht: Glauben wir Beschäftigten, wenn sie sagen, dass sie nicht können? Oder gehen wir grundsätzlich davon aus, dass sie erst etwas beweisen müssen?
Ein System, das kranke Menschen unter Generalverdacht stellt, während es gleichzeitig die Bedingungen schafft, die Menschen krank machen, hat ein Problem, und zwar mit sich selbst.




Comments