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Die endlose Ästhetisierung unseres Lebens

Sep 2
2 min read

Updated: 5 days ago

Wenn der Alltag aussieht wie ein Pinterest-Board.


Lesen wird zur reading aesthetic, Joggen zur running era, Bürolooks zur office siren. Wohnungen, Frühstück, Reisen, sogar Freizeit selbst folgen längst denselben wiedererkennbaren Bildwelten. Für alles gibt es einen Namen, eine Farbpalette und natürlich ein Pinterest-Board. Das eigene Leben wird zum aesthetic feed.


Menschen haben sich immer inszeniert. Kleidung, Einrichtung und Freizeit waren nie rein privater Natur, sondern immer auch Ausdruck von Geschmack, Status und Zugehörigkeit. Der Unterschied liegt heute in der Geschwindigkeit und Verfügbarkeit dieser Inszenierung. Für nahezu jede Lebensweise existieren bereits Bilder, Begriffe und Vorlagen. Wer anfängt zu laufen, findet nicht nur Trainingspläne, sondern sofort eine komplette visuelle Identität dazu.


Aus „Ich lese gern“ wird „Ich bin ein Mensch, der liest“. Der nächste Schritt ist die Frage: Wie sieht so ein Mensch aus? Buch, Matcha, Leinenbettwäsche, gedämpftes Licht. Die Tätigkeit bekommt eine Bildsprache und die Bildsprache beginnt, die Tätigkeit selbst zu überlagern.


Ähnlich funktioniert inzwischen der Begriff „Era“. Er bezeichnet längst nicht mehr nur eine Phase, sondern eine bewusst markierte Version des eigenen Selbst. Man probiert etwas nicht einfach aus sondern erklärt es zur neuen Identität. Damit entsteht schnell der Anspruchm diese Identität auch optisch konsequent weiterzuführen: die passende Kleidung, die farblich abgestimmten Orte, die passende Musik. Die Era muss schließlich ästhetisch durchgezogen werden.


Soziale Medien verstärken dabei einen Mechanismus, den Erving Goffman schon in den 1950er-Jahren als Selbstdarstellung beschrieben hat. Menschen präsentieren je nach sozialer Situation unterschiedliche Versionen ihrer Person. Neu ist, dass diese Darstellung heute fast permanent mitläuft. Das eigene Leben wird nicht nur erlebt, sondern zugleich aus einer Außenperspektive betrachtet. Man ist nicht nur die Person, die gerade im Café sitzt, sondern auch die Person, die sich dabei zusieht. Aber gefällt mir dieses Café oder die Version von mir, die darin sitzt? Lese ich dieses Buch aus Interesse oder weil es zu dem Bild passt, das ich von mir haben möchte? Reise ich an einen Ort, weil ich ihn entdecken will oder weil ich schon weiß, wie die Fotos in meinem Feed aussehen werden? Das klingt erst einmal nach einer ziemlich großen philosophischen Frage für einen Alltagsmoment, ganz abwegig ist sie aber nicht.


Der Alltag selbst ist natürlich viel weniger fotogen. Beim Joggen schwitzt man, beim Lesen schweift man ab und Reisen bestehen aus Warten und überfüllten Attraktionen, die auf Social Media besser aussehen als in Wirklichkeit. Das Leben ist unordentlicher als die Ästhetiken, mit denen wir es beschreiben.


Ich möchte gar nicht bewerten, ob Inszenierung grundsätzlich etwas Negatives ist. Interessanter ist, wie stark sie inzwischen unsere Entscheidungen beeinflusst. Würden wir dieselben Dinge tun, wenn niemand davon erfahren würde?



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