Ein Schwimmbad, ein Schutzraum, eine Debatte
Updated: 5 days ago
Ein Freizeitangebot für Schwarze Kinder, sechs Stunden eingeschränkter Zugang und eine erstaunlich große Debatte um die Gefühle weißer Menschen.
Das „VOLKSBAD“ vor der Berliner Volksbühne sollte für einige Stunden dem Verein Each One Teach One zur Verfügung stehen, dessen Ferienangebot sich an Schwarze Kinder und Jugendliche richtete. Was als geschütztes Angebot für Menschen gedacht war, die Rassismus und strukturelle Benachteiligung erfahren, wurde innerhalb weniger Tage zum Gegenstand einer bundesweiten Debatte.
Dass ausgerechnet dieser Schutzraum zum Ausgangspunkt massiver rassistischer Anfeindungen und schließlich sogar von Gewaltandrohungen wurde, ist schwer als bloße Kontroverse über eine Kulturveranstaltung abzutun. Die Veranstaltung wurde abgesagt, weil die Sicherheit der Beteiligten nicht gewährleistet werden konnte. Was ursprünglich Schutz ermöglichen sollte, hat damit zusätzliche Angst erzeugt.
Bemerkenswert ist vor allem, wie schnell sich die Perspektive der öffentlichen Debatte verschoben hat. Plötzlich musste nicht mehr darüber gesprochen werden, warum Schwarze Kinder und Jugendliche einen geschützten Raum benötigen könnten, sondern darüber, warum weiße Menschen für einige Stunden keinen Zugang zu diesem Angebot haben sollten. Diese beiden Erfahrungen wurden teilweise so behandelt, als seien sie miteinander vergleichbar. Eine zeitlich begrenzte Zugangsbeschränkung ist jedoch nicht mit struktureller Benachteiligung aufgrund zugeschriebener Herkunft oder Hautfarbe gleichzusetzen.
Schutzräume für marginalisierte Menschen sind eine Reaktion darauf, dass öffentliche Räume nicht für alle Menschen unter denselben Bedingungen zugänglich oder sicher sind.
Dass ein Ort formal allen offensteht, bedeutet noch nicht, dass alle ihn auf dieselbe Weise erleben. Ein solcher Schutzraum soll deshalb für einen begrenzten Zeitraum Bedingungen schaffen, unter denen Menschen mit Diskriminierungserfahrungen nicht ständig mit genau diesen Erfahrungen rechnen müssen.
Kritik kam unter anderem von einer Berliner CDU-Kommunalpolitikerin, die öffentlich infrage stellte, warum sie als weiße Person von diesem Angebot ausgeschlossen sein sollte. Auch die AfD griff die Debatte auf, dort war sogar von "Apartheid" die Rede.
Die Debatte verschob sich damit vollständig. Statt über Rassismus wurde darüber gestritten, ob weiße Menschen durch sechs Stunden ohne Zugang zu diesem Schwimmbad diskriminiert würden. Aus einem begrenzten Freizeitangebot wurde eine Debatte über vermeintliche Ausgrenzung.
Das Berliner Schwimmbad ist damit unfreiwillig zu einem politischen Ort geworden.
Dass ein zeitlich begrenzter Schutzraum für Schwarze Kinder derart viel Empörung auslöst, während die rassistischen Erfahrungen, die ihn überhaupt notwendig machen, relativiert werden, ist schlicht absurd. Wer sich stärker daran stört, für ein paar Stunden keinen Zugang zu einem Schwimmangebot zu haben, als an den rassistischen Erfahrungen, um die es hier eigentlich geht, dem täte es gut, seine Privilegien anzuerkennen.
