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Emily wäre längst weg aus Paris

  • Jul 29
  • 4 min read

Man gewöhnt sich, wie ich in diesem Sommer lernen musste, an eine erstaunliche Bandbreite von Zumutungen, die mir als kälteliebende Norddeutsche vorher nie in den Sinn gekommen wäre: wie wenig kühle Orte die schönste Stadt der Welt ihren Bewohner:innen eigentlich zu bieten hat, sobald die Temperaturen ein bestimmtes Maß überschreiten. Es gibt hier keine Seen, an die man sich am Nachmittag flüchten könnte, kaum Pools außerhalb privater Hotels, und die wenigen Bäume spenden selten den Schatten, den man sich bei solchen Temperaturen herbeisehnt. Der kühlste, angenehmste Ort ist der Supermarkt. Und dann, spät abends, der Balkon, sobald die Sonne untergegangen war: dreiunddreißig Grad, die sich draußen, in der Nachtluft, kühler anfühlten als meine Wohnung, die sich in einen Backofen verwandelt hatte.

Die Wände sogen tagsüber die Hitze wie Schwämme auf und gaben sie in der Nacht unverschämt wieder ab. Das Thermometer sank nicht mehr unter dreißig Grad, egal zu welcher Stunde, an Schlaf war natürlich nicht zu denken.

Ich musste dabei zusehen, wie meine miauenden vierbeinigen Mitbewohner:innen, ohne im Geringsten zu verstehen, was gerade eigentlich geschah, sich den ganzen Tag über auf dem Fliesenboden verteilten oder sich, wenn es besonders schlimm wurde, im leeren Waschbecken zusammenrollten. Ihre sonst flauschigen und kuscheligen Lieblingsplätze blieben leer, die kahlen und noch halbwegs kühlen Fliesen wurden zu ihrer vorübergehenden Rettung. Selbst wenn ihr Spieltrieb sie zwei- oder dreimal quer durch den Flur jagte, endete jede Verfolgungsjagd nach wenigen Sekunden. Sie blieben stehen, hechelten mit offenem Mund und schienen nicht zu begreifen, warum ihnen plötzlich die Luft ausging. Mehrmals täglich legte ich ihnen nasse Handtücher auf den Boden, damit sie sich wenigstens für einen Moment abkühlen konnten.

Jeden Morgen öffnete ich die Fenster in der Hoffnung, über Nacht sei etwas geschehen, das den Himmel zur Einsicht gebracht hätte. Stattdessen strömte bereits gegen sieben Uhr die warme Luft herein. Der Tag hatte noch nicht mal richtig begonnen und das Schlimmste hatte ich noch vor mir: den Weg zur Arbeit mit den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Paris verfügt über eines der dichtesten U-Bahn-Netze Europas, das aus einer Zeit stammt, in der sich niemand hätte vorstellen können, dass man hier regelmäßig Temperaturen erleben würde, die man eigentlich eher mit Sevilla verbindet. Viele Linien besitzen bis heute keine Klimaanlage, da bislang nur der Fahrtwind ausreichte, der aus den kleinen Kippfenstern hereinbläst. Die Bahnen sind so überfüllt, dass kaum ein Blatt Papier zwischen den Menschen passt, im Sommer tauscht man also regelrecht seinen Schweiß aus. In den Bussen wurden am Terminus Porte d'Ivry bis zu 48 Grad vorne und 56 Grad hinten gemessen, und Ende Juni verlor ein RATP-Busfahrer der Linie 189 an der Porte de Saint-Cloud tatsächlich wegen der Hitze das Bewusstsein, sein leerer Bus krachte gegen einen Baum. Natürlich gab es auch immer wieder Metro-Verspätungen wegen "malaise voyageur", weil, Überraschung, der Kreislauf mehrerer Fahrgäst:innen zusammenbrach. Auch wenn der Weg ins Büro sehr unangenehm war, war ich dankbar, in einer klimatisierte Arbeitsstätte arbeiten zu dürfen. Noch nie war ich so froh gewesen, kein Homeoffice zu haben.


Und natürlich gibt es derzeit kaum ein anderes Gesprächsthema als die Temperaturen. Plötzlich sprechen alle über den Klimawandel. Man hört Sätze wie: Das ist der kühlste Sommer unseres restlichen Lebens. Dieselben Warnungen, die über Jahre hinweg als Übertreibung oder Panikmache abgetan wurden, sind auf einmal Teil des Alltagsgesprächs.

Wie oft wurden die Jugendlichen von Fridays for Future belächelt, mit dem Hinweis, sie sollten lieber den Unterricht besuchen? Wie häufig war von „Klimaterroristen“ die Rede? Menschen wie Greta Thunberg oder Luisa Neubauer wurden verspottet, während sich die öffentliche Empörung oftmals stärker gegen die sogenannten „Klimakleber“ richtete als gegen jene politischen und wirtschaftlichen Machtstrukturen, die den Großteil der globalen Emissionen verursachen. Die Aufmerksamkeit galt den Formen des Protests und nicht den Ursachen, gegen die protestiert wurde.

Diese Hitzewelle ist politisch. Wer sich eine klimatisierte Wohnung leisten kann, erlebt denselben Sommertag auf grundlegend andere Weise als jemand, der unter dem Dach eines schlecht isolierten Altbaus lebt. Wer über ein Auto verfügt, entgeht überfüllten, stickigen Bahnsteigen. Wer Vermögen besitzt, kann sich Anpassung kaufen: Klimaanlagen, Rückzugsorte, Zweitwohnsitze, Reisen an kühlere Orte. Wer diese Möglichkeiten nicht hat, steht mit Hunderten anderen vor ausverkauften Ventilatoren oder versucht, die Nacht bei Temperaturen von über dreißig Grad irgendwie zu überstehen. Die Klimakrise verschärft bestehende soziale Ungleichheiten, nicht alle sind gleichermaßen davon betroffen.

Seit Jahrzehnten wird über Emissionsziele verhandelt, werden internationale Abkommen unterzeichnet, Gesetze verabschiedet und nach jedem Regierungswechsel wieder relativiert oder abgeschwächt. Fristen werden verschoben, Kompromisse geschlossen und immer wieder wird betont, Wirtschaftswachstum und Klimaschutz müssten „in Einklang gebracht“ werden. All das mag im politischen Betrieb nachvollziehbar erscheinen. Doch während die Politik versucht, die richtigen Worte zu finden, sitzen Menschen bei vierzig Grad in ihren Wohnungen und hoffen schlicht, dass sie selbst, ihre Kinder oder ihre Haustiere die Nacht unbeschadet überstehen.

Zwischen der Sprache der Politik und der gelebten Wirklichkeit klafft eine Lücke, die zunehmend unerträglich erscheint. Während Frankreich von immer häufigeren Hitzewellen, neuen Temperaturrekorden und einer steigenden Zahl hitzebedingter Todesfälle betroffen ist, setzt Präsident Emmanuel Macron weiterhin stark auf wirtschaftliches Wachstum und technologische Lösungen und scheut zugleich Maßnahmen, die kurzfristig tiefgreifende Veränderungen im Konsum- oder Mobilitätsverhalten erfordern würden. Gerade in einem Land, das die Folgen der Erderwärmung inzwischen nahezu jeden Sommer unmittelbar erlebt, wirkt diese politische Vorsicht wie ein Ausdruck jener Verzögerung, die den Klimadiskurs seit Jahrzehnten prägt.

Man sollte aufhören, beim Klimawandel Prokrastination zu betreiben. „Zukunft“ klingt beruhigend, weil Zukunft im Grunde immer nur „später" bedeutet. Aber später ist längst Gegenwart geworden. Das, wovor Expert:innen, Aktivist:innen und beunruhigte Jugendliche jahrelang gewarnt haben, ist jetzt da, für alle sichtbar, messbar und spürbar.

Ich habe inzwischen vier Hitzewellen hintereinander in Paris erlebt. An vieles gewöhnt man sich erstaunlich schnell. Auch ich, die aus dem vergleichsweise kühlen Norddeutschland kommt, merke, wie sich mein Maßstab verschiebt. Dreißig Grad fühlen sich inzwischen fast angenehm an. Das ist vielleicht das Verstörendste an dieser Entwicklung: nicht nur, dass die Temperaturen steigen, sondern dass sich auch unsere Vorstellung davon verschiebt, was noch normal ist. Denn wir dürfen nicht zulassen, dass sich unser Verständnis von Normalität mit jeder neuen Hitzewelle verschiebt. Vierzig Grad in Paris sind nicht normal. Tropennächte sind nicht normal. Dass Menschen an Hitze sterben, ist nicht normal. Wir dürfen uns nicht schleichend an das gewöhnen, was eigentlich unvorstellbar bleiben sollte.

 
 
 

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