top of page

Fisch ist doch vegetarisch, oder?

Jan 20
2 min read

Updated: 6 days ago

Vegetarisch in Paris. Zwischen Tradition und erstaunlich wenig Auswahl.


Neulich saß ich wieder in einem klassischen Pariser Bistrot. Große Runde, gute Stimmung, alle bestellen. Als ich nach etwas Vegetarischem frage, schaut mich der Kellner an, als hätte ich etwas Absurdes verlangt. Er zuckt mit den Schultern, deutet auf die Beilage: „Pommes?" Ich nicke. Alle anderen bekommen ihre Entrecôtes, ihre Confits, und Terrinen. Ich bekomme Pommes. Und Brot. Wieder. 


Vor fünf Jahren war das noch extremer. Damals wurde ich tatsächlich gefragt, ob Fisch für mich „okay“ wäre.


Heute passiert das deutlich seltener. Auch wenn vegetarisches Essen in Frankreich noch längst keine Selbstverständlichkeit ist, habe ich den Eindruck, dass sich die Einstellung dazu langsam etwas verändert.


Frankreich ist stolz auf seine Küche, und das völlig zu Recht. Essen ist hier Identität, Tradition und fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens.


Gleichzeitig basiert ein großer Teil dieser Kultur auf Fleisch und Fisch. Seit ich vegetarisch lebe, fällt mir dieser Gegensatz besonders in Frankreich immer wieder auf. Tiere sind für mich kein Genussmittel mehr, und entsprechend sehe ich viele Gerichte anders als früher.


Als ich in Deutschland lebte, musste ich mich selten erklären. Vegetarische Optionen waren fast überall selbstverständlich und niemand fand es besonders erwähnenswert, wenn jemand kein Fleisch aß. In Paris bin ich dagegen oft diejenige, die nachfragen, improvisieren oder einen kleinen Umweg über die Speisekarte machen muss.


Manchmal sitze ich in einer größeren Runde und schaue auf die Teller der anderen. Jeder hat bewusst gewählt, alles sieht unterschiedlich aus, während vor mir wieder Pommes stehen. Dabei stört mich nicht einmal nur die fehlende Auswahl,. Mich beschäftigt eher, wie selbstverständlich Tiere weiterhin Teil unseres Konsums sind, obwohl wir heute sehr viel darüber wissen, unter welchen Bedingungen Tiere gehalten werden und welche Folgen unser Konsum hat. Dieses Wissen ist da, aber im Alltag scheint es erstaunlich leicht auszublenden, solange das Essen schmeckt.


Ich weiß, dass vegetarische Wünsche für manche kompliziert wirken können. Aber ich kann nicht anders, als mich zu fragen: Wie sollen Menschen hier überhaupt vegetarisch leben, wenn selbst hochpreisige Restaurants ihre Karten fast ausschließlich um Fleisch und Fisch herum bauen?


Gerade in einer Stadt, die sich so stark über Kultur, Geschmack und Raffinesse definiert, wirkt diese Fantasielosigkeit manchmal erstaunlich.


Paris kann so schön und gleichzeitig so erschöpfend sein. Ich liebe diese Stadt, aber manchmal macht sie mich müde. Müde vom Erklären. Müde vom Beobachten, wie selbstverständlich Konsum funktioniert. Müde davon, die Einzige am Tisch zu sein, die sich fragt, ob das alles wirklich sein muss. Manchmal habe ich das Gefühl, mit diesen Gedanken allein am Tisch zu sitzen.


Mittlerweile kenne ich die wenigen vegetarischen Gerichte in meinem Arrondisement auswendig und weiß ziemlich genau, in welchem Restaurant mehr auf mich wartet als Pommes und Brot. An vieles gewöhnt man sich in Paris. Ich hoffe nur, dass sich irgendwann auch die Selbstverständlichkeit verändert, mit der wir über Tiere, Konsum und Essen nachdenken.

bottom of page