Fisch ist doch vegetarisch, oder?
- Jan 20
- 2 min read
Updated: Jul 27
Neulich saß ich wieder in einem klassischen Pariser Bistrot. Große Runde, gute Stimmung, alle bestellen. Als ich nach etwas Vegetarischem frage, schaut mich der Kellner an, als hätte ich etwas Absurdes verlangt. Er zuckt mit den Schultern, deutet auf die Beilage: „Pommes?" Ich nicke. Alle anderen bekommen ihre Entrecôtes, ihre Confits, ihre Terrinen. Ich bekomme Pommes. Und Brot. Wieder.
Vor fünf Jahren war das noch extremer. Damals wurde ich tatsächlich gefragt, ob Fisch für mich „okay“ wäre. Heute passiert das deutlich seltener. Auch wenn vegetarisches Essen in Frankreich noch längst keine Selbstverständlichkeit ist, habe ich den Eindruck, dass sich die Einstellung dazu langsam verändert.
Frankreich ist stolz auf seine Küche, und das völlig zu Recht. Essen ist hier Identität, Tradition und fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Gleichzeitig basiert ein großer Teil dieser Kultur auf Fleisch und Fisch. Seit ich vegetarisch lebe, fällt mir dieser Gegensatz besonders in Frankreich immer wieder auf. Tiere sind für mich kein Genussmittel mehr, und deshalb sehe ich viele Gerichte heute mit ganz anderen Augen.
Als ich in Deutschland lebte, musste ich mich selten erklären. Vegetarische Optionen waren fast überall selbstverständlich und niemand fand es besonders erwähnenswert, wenn jemand kein Fleisch aß. Hier bin ich dagegen oft diejenige, die nachfragen muss und einen kleinen Umweg über die Speisekarte macht.
Manchmal sitze ich in großen Runden und schaue auf die Teller der anderen. Alles sieht unterschiedlich aus, jeder hat bewusst bestellt, während vor mir wieder nur Pommes und Brot stehen. In diesen Momenten geht es mir nicht um die fehlende Auswahl, sondern um das Gefühl, das dahintersteht: die Selbstverständlichkeit, mit der Tiere Teil unseres Konsums geworden sind. Dass dieser Gedanke im Alltag kaum noch auftaucht, solange das Essen schmeckt.
Ich weiß, dass es für manche anstrengend wirken mag und meine Entscheidung als Belastung empfinden. Aber ich kann nicht anders, als mich zu fragen: Wie sollen Menschen hier überhaupt vegetarisch leben, wenn selbst hochpreisige Restaurants ihre Karten fast ausschließlich um Fleisch und Fisch herum bauen? Wenn die Stadt, die so viel Wert auf Kultur und Raffinesse legt, bei diesem Thema einfach die Achseln zuckt?
Paris kann so schön und gleichzeitig so erschöpfend sein. Ich liebe diese Stadt, aber manchmal macht sie mich müde. Müde vom Erklären. Müde vom Beobachten, wie selbstverständlich Konsum funktioniert. Müde davon, die Einzige am Tisch zu sein, die sich fragt, ob das alles wirklich sein muss. Manchmal habe ich das Gefühl, mit diesen Gedanken allein am Tisch zu sitzen.
Mittlerweile kenne ich die wenigen vegetarischen Gerichte in meinem Viertel auswendig und weiß ziemlich genau, in welchem Restaurant mehr auf mich wartet als Pommes und Brot. An vieles gewöhnt man sich in Paris. Ich hoffe nur, dass sich irgendwann auch die Selbstverständlichkeit verändert, mit der wir über Tiere, Konsum und Essen nachdenken.




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