Jung, informiert und erschöpft
Updated: 6 days ago
Es gab eine Zeit, da begann mein Tag mit Politik.
Noch vor dem ersten Kaffee ließ ich eine Flut an Informationen über mich hinwegrollen. Mein Instagram-Feed bestand aus Nachrichtenaccounts, politischen Informationsseiten, Menschen mit klarer Haltung und anderen mit sehr viel Meinung, dazwischen Accounts mit ironischen Slides, die komplexe Dinge in Karussells veranschaulichten. Halb wach im Bett repostete ich schon und machte meine eigene Haltung sichtbar.
Es fühlte sich an, als würde ich mich einbringen, als gäbe es diesen großen, unsichtbaren Tisch, an dem wir alle saßen und als könnte das, was ich teilte, bei irgendwem etwas auslösen.
Dann aufstehen, die Hafermilch aufschäumen, Obst schneiden, Porridge anrichten, alles hübsch in eine Schale legen, während im Hintergrund politische Podcasts und Nachrichten liefen. Politik statt Gute-Laune-Musik, ein Soundtrack aus Debatten, Haltungen und Nachrichten, während ich genau wusste, wer was gesagt hatte und welche Krise gerade die wichtigste war.
Heute gibt es nach dem Aufstehen keinen liebevoll angerichteten Porridge mehr, auch keinen Hafercappuccino. Ich trinke schwarzen Kaffee und bereite mich mit Tunnelblick auf den Tag vor. Der Morgen ist funktionaler geworden und passt erstaunlich gut zu der Art, wie Nachrichten inzwischen auf einen einprasseln.
Eine Meldung wirkt düsterer als die nächste. Gewalt, Elend und Katastrophen erscheinen ungefiltert zwischen Katzenvideos und Reisevlogs, ohne zeitliche Distanz und oft ohne Einordnung. Man empört sich, klickt auf Teilen und scrollt weiter. Die Bilder tauchen beim Doomscrollen auf und verschwinden, bevor man überhaupt verstanden hat, was man gerade gesehen hat.
Wie ist es möglich, dass wir in einer Zeit maximaler Informationsverfügbarkeit zunehmend abstumpfen? Dass das Wissen um globale Krisen nicht zu Handlung führt, sondern zu Erschöpfung?
Wir sind daran gewöhnt, schnell zu reagieren und Position zu beziehen, aber deutlich weniger daran, länger bei einem Thema zu bleiben. Digitale Empörung ersetzt nachhaltiges Handeln, Sichtbarkeit wird mit Wirkung verwechselt und die permanente Verfügbarkeit von Information untergräbt paradoxerweise genau das, was sie ermöglichen sollte: eine informierte, engagierte Öffentlichkeit.
Ich interessiere mich immer noch für Politik und bin wahrscheinlich nicht uninformierter als vor fünf Jahren. Aber ich glaube nicht mehr, dass das bloße Konsumieren von Nachrichten bereits politische Teilhabe bedeutet. Während ich noch versuche, ein Thema zu verstehen, rollt das nächste bereits darüber hinweg. Die Geschwindigkeit, mit der Themen zirkulieren und wieder verschwinden, macht tieferes Verstehen nahezu unmöglich. Zurück bleibt eine oberflächliche Kenntnis von sehr vielem und gleichzeitig das Gefühl, dem Ganzen kaum noch folgen zu können.
Uns fehlen nicht die Informationen. Eher fehlt uns die Möglichkeit, mit ihrer Menge sinnvoll umzugehen. Wir wissen von vielem ein wenig und haben trotzdem immer öfter das Gefühl, nichts wirklich zu durchdringen. Gemeinsame Bezugspunkte werden schwieriger, weil jede Person in einem anderen Ausschnitt derselben Wirklichkeit lebt.
Man scrollt weiter. Die Bilder bleiben im Kopf, die Empörung auch. Was oft fehlt, ist der Schritt dazwischen: von dem, was man weiß, zu dem, was man tatsächlich tun kann.
Manchmal frage ich mich, ob das alles eine Black-Mirror-Folge ist und wann endlich jemand auf Stop drückt.
