Jung, informiert und erschöpft
- Oct 20, 2025
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Updated: Mar 9
Es gab eine Zeit, da begann mein Tag mit Politik.
Noch vor dem ersten Kaffee ließ ich eine Flut an Informationen über mich hinwegrollen. Mein Feed: Tagesschau, ZDFheute, Watson, dazu politische Informationsaccounts, Leute mit klarer Haltung, Leute mit sehr viel Meinung, Accounts mit ironischen Slides, die komplexe Dinge in Karussels veranschaulichten. Halb wach im Bett repostete ich schon und machte meine Haltung sichtbar.
Es fühlte sich an, als würde ich mich einbringen, als gäbe es diesen großen, unsichtbaren Tisch, an dem wir alle saßen und als könnte das, was ich teilte, bei irgendwem etwas auslösen.
Dann aufstehen, die Hafermilch aufschäumen, Obst schneiden, Porridge anrichten, alles hübsch ins Schälchen legen, während im Hintergrund Podcasts wie Lage der Nation, ZEIT, FAZ, Pioneer Briefing. Politik statt guter-Laune-Musik, ein Soundtrack aus Debatten, Haltungen und Nachrichten, während ich genau wusste, wer was gesagt hatte und welche Krise gerade die wichtigste war.
Heute gibt es nach dem Aufstehen keinen liebevoll angerichteten Porridge mehr, auch keinen Hafercappuccino. Ich trinke schwarzen Kaffee und bereite mich mit Tunnelblick auf den Tag vor. Der Morgen ist bitter wie der Kaffee, kein Getränk für gute Laune, eher etwas Funktionales und das passt erstaunlich gut zu dem, was inzwischen auf einen einprasselt.
Eine Nachricht wirkt dunkler als die nächste. Gewalt, Elend, Katastrophen werden ungefiltert gezeigt, eingebettet zwischen Katzenvideos und Reisevlogs, ohne zeitliche Distanz, ohne kuratorische Einordnung. Man empört sich, klickt auf Teilen und weiter gehts. Die Bilder tauchen beim Doomscrollen auf und verschwinden, bevor sie überhaupt eingeordnet werden können.
Wie ist es möglich, dass wir in einer Zeit maximaler Informationsverfügbarkeit zunehmend abstumpfen? Dass das Wissen um globale Krisen nicht zu Handlung führt, sondern zu Erschöpfung? Wir sind darauf trainiert, schnell zu reagieren, Position zu beziehen, aber selten dazu, innezuhalten und wirklich zu verstehen. Digitale Empörung ersetzt nachhaltiges Handeln, Sichtbarkeit wird mit Wirkung verwechselt und die permanente Verfügbarkeit von Information untergräbt paradoxerweise genau das, was sie ermöglichen sollte: eine informierte, engagierte Öffentlichkeit.
Ich interessiere mich immer noch für Politik und bin wahrscheinlich nicht uninformierter als vor fünf Jahren. Aber ich habe aufgehört zu glauben, dass das bloße Konsumieren von Nachrichten eine Form politischer Teilhabe ist. Während ich noch versuche, ein Thema zu durchdringen, rollt das nächste bereits darüber hinweg. Die Geschwindigkeit, mit der Themen zirkulieren und wieder verschwinden, macht tieferes Verstehen nahezu unmöglich. Was bleibt, ist eine oberflächliche Kenntnis von allem und ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem Ganzen.
Die Krise ist weniger der Informationsmangel als die Unmöglichkeit, mit der Fülle umzugehen. Wir wissen von allem ein wenig und finden dennoch schwerer zusammen. Ein geteiltes Verständnis, eine gemeinsame Reflexion, beides verschwindet in der permanenten Reizüberflutung.
Man scrollt weiter. Die Bilder bleiben, die Empörung bleibt. Was fehlt, ist der Schritt dazwischen: von dem, was man weiß, zu dem, was man tun kann. Manchmal frage ich mich, ob das alles eine Black Mirror Folge ist. Und wann jemand sie endlich ausschaltet.




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