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9 hours ago
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Über ungefragte Kommentare zu Gewicht, Alter und Aussehen.


Rote Teppiche schaue ich mir gern an. Oscars, Grammys, Met Gala: Ich liebe die Kleider, das Styling, die Inszenierung, manchmal natürlich auch den Celebrity, der im Outfit steckt. Als ich Selena Gomez bei den diesjährigen Emmys sah, fiel mir deshalb zuerst ihr goldenes Kleid auf, dann die langen dunklen Haare und wie majestätisch beides zusammen aussah. Kurz darauf spielte mir der Algorithmus die ersten Reaktionen auf ihren Auftritt aus. Es ging es um ihren Gesichtsausdruck und darum, aus diesem ihr psychisches Wohlbefinden ableiten zu können.


„Das ist nicht Selena.“ „Augen lügen nicht.“ „Das Licht ist aus.“


Dazu Vergleichsbilder, die teilweise zehn Jahre oder noch länger zurückliegen. Ferndiagnosen von Menschen, die Selena Gomez genauso wenig persönlich kennen wie ich. Aus einem Auftritt auf einem roten Teppich wird eine Interpretation ihres Privatlebens.


Für mich sieht die 34-jährige Selena Gomez vor allem aus wie Selena Gomez, nur ein bisschen älter als mit Anfang zwanzig. Das klingt banal, scheint im Internet aber inzwischen zu Rocket Science geworden zu sein. Menschen verändern sich. Ein Gesicht mit Anfang dreißig sieht nicht zwangsläufig aus wie dasselbe Gesicht mit Anfang zwanzig. Gewicht verändert sich, Haare verändern sich, Gesichtszüge verändern sich. Das nennt man Altern und ist bislang keinem von uns dauerhaft erspart geblieben.


Ob Selena Gomez darüber hinaus kosmetische Eingriffe hatte, kann ich nicht beurteilen und liegt außerhalb meines Interesses.  Und selbst wenn sie etwas hat machen lassen: Warum besteht dieser Drang, jede körperliche Veränderung öffentlich erklären zu wollen?


Selena Gomez hat öffentlich über Lupus gesprochen, über die gesundheitlichen Folgen ihrer Erkrankung und auch über ihre bipolare Störung. Das ist für eine Person, die einen großen Teil ihres Lebens vor den Augen von Millionen Menschen verbracht hat, nicht selbstverständlich. Gerade psychische Erkrankungen offen anzusprechen, während gleichzeitig jede körperliche Veränderung kommentiert wird, braucht Mut. Ihre Offenheit scheint allerdings für manche eine Einladung zur medizinischen Analyse zu sein. Dabei wissen wir schlicht nicht, wie es ihr geht, und sie ist uns auch keinerlei Rechenschaft schuldig.


Natürlich können Augen Emotionen zeigen. Ein Mensch kann traurig aussehen, müde, angespannt oder abwesend. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass wir wissen, warum. Zwischen „Ihr Blick wirkt auf mich traurig, ich hoffe, es geht ihr gut“ und „Sie ist unglücklich mit ihrem Mann und vermisst Justin Bieber“ liegt ein ziemlicher Unterschied. Das eine beschreibt einen Eindruck, während das andere daraus Ihr Privatleben ableitet.


Absurd ist, dass die Geschichte, die ihr zugeschrieben wird, Jahre später immer noch denselben Mann aufgreift. Selena Gomez kann Musik veröffentlichen, ein Unternehmen führen, heiraten, Interviews geben oder einfach nur irgendwo auftauchen und trotzdem findet irgendjemand einen Weg zurück zu Justin Bieber. Sie sieht traurig aus: Justin. Sie sieht anders aus: Justin. Ihre Ehe mit Benny Blanco wird analysiert: egal, Hauptsache Justin.


Als könnte eine erwachsene Frau nicht einfach ein eigenes Leben führen, das sich nicht permanent um einen früheren, männlichen Partner dreht.


Diese permanente Beurteilung beschränkt sich allerdings nicht auf Frauen des öffentlichen Lebens.

Fast jede Frau kennt diese Form der ungefragten Bestandsaufnahme. Man kommt ohne Make-up zur Arbeit, hat Augenringe und die Haare schnell zum Zopf gebunden: „Geht es dir nicht gut?“ Dabei hat man vielleicht einfach schlecht geschlafen, weil aus zwei Folgen der Serie am Abend fünf geworden sind. 


Noch deutlicher wird es beim Gewicht. „Du hast abgenommen, du siehst toll aus“ gilt nach wie vor als völlig normales Kompliment. Dabei steckt darin eine ziemlich klare Botschaft: dünner ist besser. Schlanksein bleibt eines der hartnäckigsten Schönheitsideale überhaupt. Gewicht zu verlieren wird deshalb automatisch mit Attraktivität, Disziplin oder Gesundheit verbunden, obwohl wir in den meisten Fällen überhaupt nicht wissen, weshalb jemand abgenommen hat.


Der gleiche Mechanismus gilt fürs Alter. „Du siehst viel jünger aus“ soll nett sein. Nur warum ist jünger aussehen automatisch ein Kompliment? Warum gilt sichtbar älter werden als etwas, das möglichst lange verhindert oder zumindest gut kaschiert werden sollte?


Frauen sollen natürlich altern, aber bitte ohne alt auszusehen. Sie sollen schlank sein, aber nicht über ihr Gewicht sprechen. Sie sollen sich pflegen, aber Eingriffe dürfen nicht sichtbar sein. Sie sollen gut aussehen, aber möglichst so, als hätten sie dafür keinen Aufwand betrieben. Und wenn sich etwas verändert, muss die Veränderung kommentiert werden.


Positive Kommentare, die nett gemeint sind, sind nicht automatisch harmlos. Es gibt einen Unterschied zwischen „Du siehst toll aus“ und „Du hast abgenommen, du siehst toll aus“. Zwischen „Du strahlst heute“ und „Du siehst viel jünger aus“. Im zweiten Fall wird ein bestimmter körperlicher Zustand zur Voraussetzung des Kompliments.


Bei Prominenten kommt gern das Argument dazu, dass Öffentlichkeit nun einmal mit solchen Kommentaren einhergehe. Ein Stück weit stimmt das sogar. Ein Emmy-Look ist keine Alltagskleidung. Hinter solchen Auftritten stehen Designer:innen, Stylist:innen, Schmuckhäuser, Verträge und Werbung. Natürlich wird über ein Kleid gesprochen. Man kann einen Schnitt schön oder hässlich finden, ein Styling überladen oder gelungen, eine Farbkombination spannend oder fad.

Aber ein öffentlich präsentiertes Kleid macht den Körper darin nicht automatisch zum öffentlichen Eigentum. Und schon gar nicht die Psyche der Person.


Viele Frauen haben es längst internalisiert, bei dieser Bewertung mitzumachen. Wir wachsen damit auf, dass weibliche Körper ständig beurteilt werden. Zu dick, zu dünn, zu alt, zu künstlich, zu ungepflegt, zu viel Make-up, zu wenig Make-up. Irgendwann wird dieser Blick so normal, dass man ihn auch auf andere richtet. Man bemerkt automatisch, wer ab- oder zugenommen hat, wer müde aussieht oder einfach anders aussieht als früher.


Nicht jede Beobachtung muss deshalb ausgesprochen werden.


Eine No-Comment-Policy für ungefragte Bewertungen fremder Körper wäre eigentlich ziemlich unkompliziert: Gewicht nicht ungefragt bewerten. Aus einem Gesichtsausdruck keine Diagnose herleiten. Alter nicht als Erfolg oder Niederlage behandeln. Und wenn man unbedingt etwas Nettes sagen möchte, reicht manchmal tatsächlich: Du siehst toll aus. Du strahlst. Du wirkst glücklich.


Wir dürfen Gedanken haben, Menschen schön oder nicht schön finden, einen Auftritt mögen und den nächsten furchtbar. Aber nicht jede Meinung zum Körper eines anderen Menschen muss ausgesprochen werden, nur weil sie einem gerade durch den Kopf geht.


Man kann einen roten Teppich auch einfach ansehen, ein goldenes Kleid schön finden und dann weiterscrollen.

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