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Ein kleiner Film namens Paris

Sep 15, 2025
2 min read

Updated: Sep 7

Lange lebte Paris in meinem Kopf wie ein kleiner Film, in dem alles möglich war. Eine Art Projektionsfläche dafür, wie ich vielleicht einmal sein wollte: ein bisschen erwachsener, irgendwie erfolgreicher, literarischer, artsy... oder was ich damals dafür gehalten habe. Jede Reise hierher hat etwas in mir ausgelöst. Ein winziges Gefühl, dass ich jemand anderes sein könnte, nur einen Atemzug Mut entfernt.


Gleichzeitig war mir klar, dass ich diese Stadt völlig romantisiert hatte. In meinem verträumten Fische-Kopf spielte sich eine kleine Amélie-Poulain-Version meines Lebens ab: Ich kenne all meine Nachbar:innen beim Namen, laufe fünf Minuten zur Arbeit, kaufe mein Obst beim Händler an der Ecke und verbringe meine Nachmittage in Museen, Cafés und mit charmanten französischen Männern, ohne mich binden zu müssen.


Fünf Jahre später muss ich schmunzeln. Ich halte immer noch an der Idee fest, dass mein Alltag irgendwann genau so aussehen könnte. Dass ich meine Nachbar:innen selbst im Aufzug nicht erkennen würde, die Lidl-App auf dem Handy habe und mein letzter Museumsbesuch zwei Jahre her ist, das ignoriere ich einfach. Man darf ja träumen.


Trotz allem gibt es immer noch diese Momente, die mich genau in diese Fantasie ziehen: elegant gekleidete Menschen im Jardin du Luxembourg, die allein auf einer Bank sitzen und ein Buch lesen. Kleine Kunstausstellungen im Marais. Der Duft und die Ästhetik der Boulangerien, die selbst an grauen Tagen schön aussehen und den Tag versüßen.


Paris kann so schön sein, dass man fast vergisst, dass die Stadt einen gleichzeitig wachrüttelt. Wenn Leute hören, dass ich in Paris lebe, sagen sie meistens: „Oh, wie schön, wie romantisch!“ Ich lächle dann höflich. Es lohnt sich nicht, die ganze Geschichte auszupacken. Die romantischen Momente sind rar, aber wenn sie da sind, fühlt sich alles für einen Wimpernschlag leichter an.


Paris kann ein Traum sein. Man kann wie Gil in Midnight in Paris durch die Straßen schlendern, mit dem Kopf voller Ideen, und sich vorstellen, dass jeden Moment ein magisches Taxi um die Ecke biegt, das einen in die 1920er Jahre trägt, wo man auf Picasso oder Hemingway trifft. Als wäre hier alles möglich und die Geschichten, die sich an so vielen Orten verbergen, darauf warten entdeckt zu werden.


Und dann, im nächsten Augenblick, holt einen die Realität ein.

Man fällt aus der Romantik wie aus einem Tagtraum. Plötzlich sieht man das Paris, das Filme kaum zeigen: das politisch angespannte, das erschöpfte, das wütende Paris. Ungleichheit ist hier kein abstraktes Konzept, sondern etwas, das man auf wenigen Metern Abstand spürt: Menschen, die sich im Luxus verlieren und andere, die an der nächsten Ecke ums Überleben kämpfen. Ungleichheit steht mit dir an der Ampel, sitzt neben dir in der Metro, schläft vor deiner Haustür, blockiert die Straßen bei einem Streik.


Man kann sich dieser Realität nicht entziehen, selbst wenn man immer noch irgendwie in dieser nostalgischen Amélie-Bubble leben möchte. Ich ertappe mich oft dabei, wie ich das romantisierte Paris festhalten will, weil es sich leichter anfühlt als die politische Schwere, die man hier täglich sieht und spürt.

 
 
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