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Energiesparen à la française

  • Oct 4, 2025
  • 2 min read

Pariser:innen sollen unhöflich sein. So sagt man. Jede:r Tourist:in hat die Geschichte schon gehört: Kellner:innen ohne Lächeln, Französ:innen, die Englisch konsequent ignorieren. Ich kann es nicht so unterschreiben.


Was hier oft als Unhöflichkeit wahrgenommen wird, ist eigentlich ein Spiegel der ständigen Belastung, unter der die Menschen in dieser Stadt leben. Mir fällt nur eines immer wieder auf: Ein einfaches Bonjour ist hier ein Schlüssel. Ohne dieses kleine Wort geht keine Tür auf, egal wie höflich die Frage danach formuliert ist.


Für mich wirkt das nicht wie Unhöflichkeit. Eher wie eine kollektive Erschöpfung, die sich hübsch als Pariser Attitüde tarnt.


Und eigentlich überrascht das niemanden. Paris ist eng, Paris ist laut, immer in Bewegung. Jede Person schleppt zu viel Arbeit mit sich herum und verdient gleichzeitig zu wenig, um sich in dieser Stadt echten Komfort leisten zu können. Komfort, wohlgemerkt, nicht Lebensqualität. Für mich bedeutet das, dass ich das Privileg habe, mir bewusst kleine Momente des Wohlbefindens zu gestalten, etwas, das längst nicht allen hier möglich ist. Viele Pariser:innen leben unter existenziell bedrohlichen Bedingungen: Sie arbeiten in prekären Jobs, kämpfen mit hohen Mieten, mit unregelmäßigem Einkommen und mit der ständigen Angst, auf der Straße zu landen. In einer Stadt, die nach außen Glanz und Reichtum ausstrahlt, ist diese Ungleichheit überall sichtbar: auf den Boulevards, in den Metrostationen, vor den Supermärkten. Wohnraum ist winzig bis absurd, die Mieten sind eine Zumutung. Höflichkeit ist hier kein Standard, eher ein Luxus. Paris ist nicht unfreundlich, Paris ist direkt. Was Tourist:innen als Kälte wahrnehmen, ist für Pariser:innen oft schlicht der Versuch, ihre knappe Energie zu schützen, wie ein kleines Stück Macht in einem System, das viele am Existenzminimum hält.


Dafür fühlen sich die seltenen Momente, in denen einen jemand anlächelt oder ein Kompliment macht, erstaunlich warm an. Hier zeigt man nicht oft Wärme, aber wenn sie da ist, dann ohne Show. Paris spielt nichts vor und genau deshalb wirkt es manchmal so roh. Vielleicht liegt darin auch ein Stück Wahrheit über die Stadt: Wer sich keine Extraenergie leisten kann, muss sparsam sein. Ein Luxus, den sich nur die Wenigsten leisten.


Manchmal frage ich mich, ob die Stadt ein bisschen leichter wäre, wenn mehr Leute lächeln würden. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass sie dann etwas von ihrer Ehrlichkeit verlieren würde. Vielleicht wäre die Stadt dann oberflächlich freundlicher, aber die Ungleichheit, die sie prägt, würde dadurch nicht verschwinden.


 
 
 

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