Schöne Dinge, schwer zu tragen
Updated: 6 days ago
Luxus, wenn Verantwortung zur Nebensache wird.
Sich in der Luxusbranche zu bewegen heißt, täglich mit Dingen zu tun zu haben, die sich die meisten Menschen nie leisten können. Das ist keine Provokation, sondern schlicht Realität. Interessanter ist für mich, was diese Realität mit dem eigenen Blick macht.
Mit der Zeit verschieben sich Maßstäbe. Kürzlich fiel mein Blick auf eine kleine rote Tasche für zweitausend Euro. Mein erster Gedanke: „Ach, geht ja voll!" Ich brauchte einen Moment, um zu realisieren, was ich da gerade gedacht hatte. Summen, die mich früher abgeschreckt hätten, wirken plötzlich beinahe normal. Exklusivität verliert ihren Ausnahmecharakter und wird Teil des Alltags.
Seit über fünf Jahren arbeite ich in der französischen Luxusbranche. Was ich daran schätze, ist nicht schwer zu benennen: das Handwerk, die Präzision und der sorgfältige Umgang mit Material und Zeit. Wissen wird über Generationen weitergegeben, Techniken werden bewahrt und jedes Detail bekommt eine Bedeutung, die man in anderen Bereichen kaum noch findet. Diese Seite der Branche ist real und es wäre zu einfach, sie nur auf Oberflächlichkeit zu reduzieren.
Doch genau hier beginnt mein Unbehagen. Denn Luxus endet nicht beim Handwerk. Er lebt in einem Kosmos aus Exklusivität, Status und Abgrenzung. Je länger man sich in dieser Welt bewegt, desto schärfer zeichnet sich ab, wie anders hier über Geld, Preise und Konsum gedacht wird.
Daneben beschäftigt mich ein zweiter Widerspruch besonders: der Umgang mit Nachhaltigkeit. Viele Luxusmarken betonen heute ihr Engagement für Nachhaltigkeit, investieren in bessere Materialien, transparente Lieferketten oder langlebigere Produktion.
Gleichzeitig wirkt dieser Anspruch schnell widersprüchlich, wenn das Konsumverhalten der Zielgruppe gänzlich unberührt bleibt.
Wenn jemand für einen gehypten Gürtel, der nur in einer Boutique auf der Münchener Maximilianstraße erhältlich ist, kurzerhand ins Flugzeug steigt, um ihn persönlich abzuholen, lässt sich schwer so tun, als spiele nur die Herstellung des Produkts eine Rolle. Ähnlich absurd wirkt es auf mich, wenn Privatjets und Yachten mit Produkten und Materialien einer Marke ausgestattet werden, die sich gleichzeitig um möglichst nachhaltiges Arbeiten bemüht, und solche Aufträge am Ende als besonderer Erfolg gefeiert werden.
Ein Produkt kann noch so sorgfältig hergestellt sein. Wenn es aber Teil eines Konsums wird, bei dem Ressourcenverbrauch kaum eine Rolle spielt, stößt der Nachhaltigkeitsanspruch irgendwann an eine Grenze.
Ich kenne diese Welt inzwischen gut genug, um ihren Reiz zu verstehen, aber auch ihre Absurditäten. Manche Dinge sind einfach schön anzusehen und trotzdem schwer zu tragen.
