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Métro, boulot, dodo

Nov 12, 2025
2 min read

Updated: 6 days ago

Über Kreativität, Pariser Klischees und die Realität:


Bevor ich nach Paris zog, war ich fest davon überzeugt, die Stadt würde mich auf Knopfdruck inspirieren. Schließlich tun Städte das in Filmen ja ständig: Man setzt sich in ein Café, bestellt einen doppelten Espresso, schaut den Vorbeigehenden bedeutungsschwer hinterher und plötzlich regnet der kreative Funke.


Die Realität war weniger glamourös. Paris inspiriert nicht auf Knopfdruck. Die Stadt testet eher, wie viel Geduld man besitzt, bevor man endgültig die Nerven verliert.


In den ersten Monaten wollte ich schreiben, zeichnen, fotografieren, beobachten, am liebsten alles gleichzeitig. Stattdessen verbrachte ich den Großteil meiner Zeit damit herauszufinden, welches Amt für welches Formular zuständig ist und wie man eine Krankenversicherung bekommt, ohne dabei ein ganzes Jahr zu verlieren. Oder wie man ein französisches Bankkonto eröffnet, wenn man noch keine feste Adresse hat. Und umgekehrt, wie man eine feste Adresse bekommt, wenn man kein französisches Bankkonto hat. Die Pariser Version von „Huhn oder Ei?“.


Kreative Impulse müssen sich hier ihren Weg freikämpfen, wie wilde Pflanzen, die sich ihren Platz zwischen Steinplatten erobern. Kreativität muss irgendwo zwischen Métro, boulot, dodo entstehen, diesem französischen Ausdruck für den Kreislauf aus Pendeln, Arbeiten und Schlafen. Nicht unbedingt beim verträumten Sitzen an der Seine mit einem Notizbuch auf dem Schoß, sondern morgens in der Métro, in der Mittagspause oder abends, wenn man eigentlich zu müde dafür ist.


Paris macht einem ziemlich schnell klar, wie schwer es sein kann, ausgerechnet in der Vorzeigestadt der Kunst kreativ zu arbeiten. Die Stadt lebt von ihrem Ruf als Ort für Kunstschaffende, Schriftsteller:innen, Mode, Fotografie und Kultur. In der Realität reicht all das oft nicht aus, um hier überhaupt leben zu können. Die Mieten sind hoch, ein Großteil der kreativen Berufe ist schlecht bezahlt und Sichtbarkeit sagt wenig darüber aus, ob die eigene Arbeit am Ende die Rechnungen bezahlt. Wie soll man träumen, wenn das bloße Leben schon Mühe kostet und der Wohnraum so winzig ist, dass kaum Platz zum Atmen bleibt? Kunst ist Teil des Pariser Images, aber die Menschen, die sie machen, können sich dieses Paris oft selbst nicht leisten.


Ich glaube inzwischen nicht mehr daran, dass Paris einem die Kreativität schenkt, die wir aus Filmen oder Serien kennen. Die Stadt liefert eher das Rohmaterial. Was daraus entsteht, muss man selbst erarbeiten.


Kunst findet man in Begegnungen und Beobachtungen, nicht unbedingt in einem Café mit heißer Schokolade.


Und ich habe inzwischen mehr Gefallen an dieser Version von Paris gefunden als an der romantisierten Vorstellungen die mich ursprünglich in die Stadt gezogen hat. Ich muss nicht mehr an der Seine sitzen und auf Inspiration warten. Es reicht, aufmerksam zu bleiben und weiterzumachen, auch nach einer langen Métrofahrt.



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